Die Erben der Gestapo
altes Spiel mit neuen Namen - wieder Nazigrößen bei deutschen Geheimdiensten entdeckt

Wie die Berliner Zeitung in ihrer Montagsausgabe veröffentlichte, wurden von der Birthler-Behörde, also der Behörde zur Aufsicht über die Stasi-Akten, neue Akten freigegeben, die belegen dass zahlreiche ehemalige Nationalsozialisten nach dem Krieg in den westdeutschen Geheimdiensten untergekommen sind. Auch die Süddeutsche Zeitung berichtet davon. Die Akten waren 20 Jahre lang gesperrt, nun konnte die Behörde sich doch zu einer Veröffentlichung durchringen. War wohl das Thema allzu brisant um es der Öffentlichkeit zuzumuten. Ganz neu war dieser Sachverhalt allerdings nicht. Die Karrieren ehemaliger Nazigrößen in westdeutschen Diensten ziehen sich wie braune Schleifspuren durch die Geschichte der BRD. So war der erste Präsident des Bundesnachrichtendienst niemand geringerer als Reinhard Gehlen, der ehemalige Geheimdienstchef der Abteilung "Fremde Heere Ost" des NS-Geheimdienstes im Dritten Reich. Gehlen hatte sich bereits im Krieg für den Führer verdient gemacht, in dem er die Aufklärung an der Ostfront und in den besetzten Gebieten der Sowjetunion organisierte.
Durch brutale Verhörmethoden gelangte er bereits damals zu zweifelhaftem Ruf. Als das Ende des Krieges absehbar war setzte er sich mit einigen seiner Offiziere in die bayerischen Alpen ab, und stellte sich den Amerikanern, die Deutschland gerade befreit hatten. Er hatte für seine berufliche Zukunft vorgesorgt, und die wichtigsten Geheimakten auf Mikrofilm gebannt und auf österreichischen Bergwiesen verscharrt. Ein Schatz der für die amerikanischen Besatzer von großem Wert sein sollte, denn nach dem Ende des Krieges hieß der neue Feind Sowjetunion. Es zeigte sich dass er den richtigen Riecher gehabt hatte, denn nach dem Krieg wurde er für sein Wissen und seine Kooperation mit den USA unter anderem damit belohnt dass er zum ersten Chef eines neuen deutschen Geheimdienstes wurde, der Organisation Gehlen. Als schließlich der BND gegründet wurde war er wieder die erste Wahl für den Chefposten. Sein Nachfolger bei "Fremde Heere Ost" war Gerhard Wessel, der ihn auch später beim BND beerben sollte.
Doch neben Reinhard Gehlen hatten es auch zahlreiche andere ehemalige Nazis geschafft in die Dienste der jungen BRD aufgenommen zu werden. So sollen nach 1945 mehr ehemalige NSDAP-Mitglieder im Auswärtigen Amt gearbeitet haben als davor. Auch die Geschichte der Nazi-Richter ist bekannt, die ihre Urteile nach Kriegsende munter weiter vollstrecken durften. Zahlreiche Wirtschaftsgrößen, die während der Kriegszeit Zwangsarbeiter schuften ließen, von denen Tausende unter unmenschlichen Bedingungen arbeiteten und schließlich starben, bekamen nach kurzen Strafen ihr Hab und Gut zurück. Die Krönung bildeten schließlich der Deutsche Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, der für die NSDAP im Reichsaußenministerium tätig war, und Hans Filbinger, der als NS-Marinerichter an einigen Todesurteilen mitgewirkt hatte, und später Ministerpräsident von Baden-Württemberg wurde.
Jemand dem das Treiben bei den westdeutschen Diensten nicht verborgen blieb war das MfS, das schon frühzeitig daran interessiert war diese Informationen für seine Zwecke zu nutzen. Im Gegensatz zur allseits angepriesenen Entnazfizierung sah die Wirklichkeit hinter den Kulissen etwas anders aus. Dies zeigten zahlreiche Fälle in denen Kommunisten in der BRD von ihren ehemaligen Widersachern, die es inzwischen wieder in Amt und Würden geschafft hatten, verfolgt wurden. Bis heute werden immer wieder Fälle von Verfolgung, offener Beschattung, Einbrüche in Wohnungen und weitere Straftaten bekannt, die von deutschen Sicherheitsbehörden begangen werden. Doch die Aufklärungsrate dieser Straftaten tendiert gegen Null. Gegen Geheimdienste zu ermitteln schickt sich nicht in Deutschland. So hatten und haben die geheimen Erben der Gestapo freie Bahn bei der Verfolgung missliebiger Personen. Eine fortschreitende Entwicklung der Gesetze in Richtung eines Überwachungsstaates dürfte auch ganz im Sinne der sogenannten Sicherheitsorgane sein. Auch durch die fortgeschrittene Technisierung wird es immer leichter für die Dienste ihre Zielpersonen zu überwachen.
Während sich die Politik gewohnt tolerant und demokratisch gibt, scheint sich der Geist der Geheimpolizeien auch nach 50 Jahren nicht geändert zu haben. Nazis drängten nach dem Krieg unter die Fittiche der westdeutschen Geheimdienste, und es wurde ihnen wohlwollend Unterschlupf gewährt. Neben einer guten Tarnung boten diese Dienste den "ehemaligen" Faschisten auch eine ideale Spielwiese und ein geeignetes Umfeld um ihre ehemaligen Gegner auch weiterhin verfolgen zu können. In diesem Geiste, dem Geiste der alten Gestapo, entwickelten sich die Dienste nach dem Krieg. Ihre Führer dachten in den alten Mustern, und nach den Gesichtspunkten dieser Ideologie stellten sie auch wieder ihre neuen Mitarbeiter ein. Gleiches gesellt sich zu Gleichem. Und so zieht sich eine lange braune Spur durch die Geschichte der Dienste, die bis ins 21. Jahrhundert reicht. Während zunehmend mehr Menschen damit beschäftigt sind in einen viereckigen Kasten zu schauen und sich von diesem Kasten und einigen primitiven Printmedien sagen zu lassen was sie denken und was sie essen sollen, und welche Produkte sie zu kaufen haben, spielen andere hinter den Kulissen ihr eigenes Spiel. Ein Spiel welches weder die Entwicklung des Menschen zum Ziel hat, noch sich in irgend einer Weise mit den Interessen einer freien Gesellschaft vereinen lässt.
